Der Norden Balis oder Putus Schwein


Home, Indonesien, Reise / Samstag, Oktober 13th, 2018

Der Norden Balis ist komplett anders als der Süden der Insel. Erstmal ist es wesentlich untouristischer. Das ist gut und schlecht. Es ist dadurch viel ruhiger und günstiger, aber auch ein bissl langweilig und es gibt viel weniger westlichen Schnick-Schnack. Und wenn man der einzige am Strand ist, kreisen die Verkäufer um einen wie die Mosquitos zur Dämmerungszeit.

Dann ist auch das Meer wie ausgewechselt. Keine einzige Welle und somit auch kein einziger Surfer, teilweise schwarzer Sand. Eigentlich ist es so besser zum Baden, uns taugt das wilde Meer im Süden allerdings wesentlich mehr.

Die erste Zeit haben wir ein Haus bei Lovina, im Nordwesten. Es ist im balinesischen Stil gehalten und wir genießen es, mal wieder selbst zu kochen und allein am Pool zu chillen. Um unser Haus herum sind Felder, die Einheimischen leben ihren Alltag. Nicht sehr viele Touristen verirren sich hierher. Es wirkt so, als ob der Ort schon bessere Zeiten erlebt hätte.

Uns hat es eigentlich deshalb hierher verschlagen, weil wir dieses nette Haus hier gefunden haben. Aber auch noch aus einem anderen Grund erweist sich dieser Ort als Glückstreffer. Hier in der Nähe befindet sich nämlich das zweite Amt zur Visa-Verlängerung. Das andere ist im Süden und dort soll es noch um einiges langwieriger sein, sein Visum zu verlängern. Bei unserer Einreise nach Indonesien und dem überstürzten Buchen der Ausreise-Tickets haben wir nämlich komplett übersehen, dass wir länger als 30 Tage in Indo sind. Das „Visum on arrival“ ist allerdings nur genau für 30 Tage gültig. Das heißt, wir müssen ein zusätzliches Visum für ein weiteres Monat beantragen. Ansonsten muss man pro Kopf und Nase 3 Mio Rupiah Strafe zahlen. Im Internet kann man zu diesem Thema jede Menge Horrorgeschichten lesen. Von Touristen, die nicht weiterreisen konnten, weil das Visum noch nicht fertig war oder von Menschen, die nicht aufs Amt gelassen wurden, weil sie nicht angemessen gekleidet waren. Im Süden bezahlt man in der Regel eine Stange Geld an einen Agent, der den meisten Teil für einen erledigt. Allerdings dauert der Prozess mindestens zehn Tage und man muss seinen Reisepass einer wildfremden Person in die Hand drücken. Wir sind aber nicht mehr im Süden und können es deshalb dort auch nicht machen, denn einmal muss man selbst aufs Amt, um die Fingerabdrücke abzugeben. Die anderen zwei Mal erledigt der Agent.

Im Norden müssen wir alle also drei Mal aufs Amt. Der Meinige hat sich vorab bereits über alle möglichen Blogbeiträge vorbereitet. Mit langen Hosen und ohne FlipFlops machen wir uns deshalb Montag um acht in der Früh mit allen Dokumenten und erforderlichen Kopien auf den Weg zur Behörde. Zum Glück ist nicht viel los. Wir bekommen die Formulare, füllen sie aus und sind nach 90 Minuten wieder draußen. Die nette Beamtin versichert uns auch, dass wir am Freitag die Verlängerungen bekommen würden. Ich bin erleichtert. Denn wir haben das Haus nur bis Freitag gemietet und wollen weiterfahren. Warum man den gesamten Amtsweg nicht auf einmal erledigen kann, ist mir zwar unerklärlich. Aber andere Länder, andere Sitten. Wir müssen also noch zwei Mal aufmarschieren. Am Mittwoch, zwei Tage später, zum Fingerabdrücke machen. Jeder Erwachsene und jedes Kind muss von jedem Finger einen Abdruck machen lassen. Wir haben Glück und einen freundlichen Beamten, der uns sogar erlaubt, Fotos zu machen. Beim zweiten Termin muss man auch Cash ablegen. Die Beamtin sagt uns, dass wir wieder zwei Tage später, unsere neuen Visa erhalten würden. Und das alles, nur weil wir ein paar Tage über der 30-Tage-Grenze drüber sind. Egal. Wir sind froh, den Wisch zu bekommen und weiterreisen zu können. Und das ganze Procedere ganz ohne Agent.

Ein Grund, warum viele in den Norden Balis rauffahren, sind die Delfine. Die kids und ich wären sehr gerne mit ihnen geschwommen. Doch das gibt es mittlerweile nur mehr in einem Hotelpool, was ich dann auch nicht machen möchte. Wir buchen uns also ein Boot zum „dolphinwatching“. Denn das ist Gott sei Dank möglich. Die Boote fahren alle bereits zu Sonnenaufgang los. Ich handel noch aus, dass wir erst später starten. Zuerst sind Unmengen an Booten (gefühlt alle Touristen, die es in den Ort verschlagen hat, auf einmal) unterwegs und jagen jeder Delfingruppe, die aus dem Wasser springt, hinterher. Hmpf. Zum Glück verteilt es sich dann und dadurch, dass wir später gestartet sind, bleiben wir länger draußen. Und ja. Es ist einfach wunderschön, wenn diese sympathischen Tiere links und rechts von deinem Boot schwimmen und du sie dabei beobachten darfst.

Wir mieten uns in der Zeit ein Moped und cruisen durch die Gegend. Auch eine Babysitterin schaut ab und zu auf die kids, sodass wir auch mal zu zweit unterwegs sein können. Und ein „Mann für alles“ kümmert sich um das Haus. Er heißt Putu und hat selbst drei Kinder. Er ist sehr freundlich und hilfsbereit. Zu der Zeit, zu der wir in Lovina sind, hat Putu eine besondere Zeremonie in seinem Haus. Er lädt unsere Familie dazu ein. Auf Bali gibt es immer und überall Zeremonien. Wir waren allerdings noch nie auf einer privaten und nehmen die Einladung an. Bereits am Vormittag holt uns Putu ab und fährt uns zu seinem Haus. Es ist eine Zeremonie, um den Grund, auf dem Putus Haus steht zu feiern und nur alle fünf Jahre stattfindet. Ich habe mir vorher nicht all zu viele Gedanken gemacht. Aber dadurch, dass Putu recht gut Englisch spricht für den Norden Balis und auch so relativ mordern wirkt, bin ich dann doch richtig betroffen, in welcher Armut er lebt. Und auch in welchem Dreck. Vielleicht ist es auch deshalb, weil wir ihn schon etwas näher kennen und er nicht mehr nur eine fremde anonyme Person ist. Denn wir haben sicher schon wesentlich einfachere Behausungen gesehen. Jedenfalls ist Putu sehr stolz auf sein Haus. Es ist wie alle Häuser quasi ein Ein-Raum-Haus. Es ist direkt an das Haus seines Vaters gebaut. Und davor ist ein vielleicht zehn m2 großer Platz. Wir werden herzlich von Putus Frau empfangen. Es sind auch noch andere Familie und Nachbarn da. Wir bekommen balinesischen Kaffee und irgendwelche Süßigkeiten. Dann werden extra Plastiksessel für uns gebracht, die entlang der Hausmauer aufgestellt werden. Auf dem Vorplatz thront bereits das Herzstück der Zeremonie – das auf einem Spieß seit in den Morgenstunden gegrillte Schwein. (Putu hat mir später voller Stolz ein Video gezeigt, wie es im Stall seines Bruders getötet wurde. Gott sei Dank war es so dunkel, dass man zumindest nichts gesehen hat.) Es herrscht emsiges Treiben. Die Frauen bringen die ganze Zeit Opfergaben beziehungsweise tragen sie sie von einem Platz zum andern, um sie dann erst recht wieder woanders hinzulegen. Vom Himmel brennt die Sonne und schon bald wünschen wir uns insgeheim wieder an unseren sauberen westlichen Pool zurück. Putus Kinder verschlingen die Schokolade, die wir ihnen mitgebracht haben. Nirgends kann ich nur ein einziges Spielzeug erkennen. Im Haus selbst sind wir nie drinnen. Putu beantwortet uns brav unsere Fragen, ist aber auch sehr eingespannt als Hausherr. Sonst kann niemand Englisch. Nach eineinhalb Stunden des Hin-und Herrückens von Blumen, Reis, Opferkörbchen, Umschichten von einem Körbchen ins nächste, dann doch wieder alles retour und einen neuen Untersetzer nehmen und dem Positionieren und Verzieren des Schweins, beginnt dann die eigentliche Zeremonie. Ein Zeremonienmeister nimmt vor allen Platz und beginnt seinen Singsang. Wir verstehen natürlich nicht, was er sagt. Putu erzählt uns nachher, dass ihnen gesagt wurde, wie sie das Böse vom Grund fernhalten können und wie sie ihr Haus beschützen können. Die Hausherrin muss alle möglichen Geister vertreiben. Am Schluss tanzen alle im Kreis.

Und dann wird das Schwein angeschnitten. Plötzlich ist wieder riesiger Aufruhr. Denn zuvor wird die knusprige Haut gegessen. Alle reissen sich darum und wollen zuerst was abbekommen. Wir als Gäste bekommen extragroße Stücke. Zwei von und würgen sie auch runter (und ich bin nicht darunter). Dann wird das Schwein zerteilt und in Stücke aufgeteilt. Jeder der Anwesenden bekommt seinen Anteil in ein Plastiksackerl. Wir sind überrascht. Denn es wird nicht miteinander gegessen. Zu unserem Glück. Denn das Schwein hat nicht viel Fleisch dran und ich wüßte nicht, wie ich es höflicherweise essen hätte können. Wir kommen aber nicht ganz darum herum, zumindest ein Sackerl mit dem heiligen Fleisch mitzunehmen. Putu ist es wichtig, dass wir, die in diesem Zusammenhang auch seine Arbeit repräsentieren, das Geschenk annehmen. Dann ist die Feier vorei und alle gehen nachhause.

Mit unseren druckfrischen Visa im Gepäck fahren wie Ende der Woche weiter in den Nordosten Balis. Ehrlich gesagt fällt uns echt ein Stein vom Herzen, dass das mit den Papieren geklappt hat. Hätten wir sie nämlich nicht am Freitag bekommen, hätten wir bis Montag verlängern und unseren gesamten Reiseplan über den Haufen werfen müssen. Erleichtert kommen wir in Amed, einem kleinen Fischer-Ort an, von dem aus auch Fähren und Speedboote auf die Inseln im Osten starten. Wir finden ein nettes Homestay direkt am Meer. So günstig wie hier haben wir noch nie geschlafen und auch das Essen ist der Hit. Am nächsten Tag geht’s weiter auf die Gili-Insel zum Schnorcheln!

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